Wie wird man eigentlich Popstar? Dragan Espenschied und Bernhard Kirsch haben es fast geschafft: Ihre erste Platte wird weltweit vertrieben Von Jan-Keno Janssen Früher, da war alles noch ganz einfach. Die Jungs wollten Lokomotivführer werden und die Mädchen Tierärztin. Und heute? Tja. Heute antwortet jedes Kind, das was auf sich hält, auf die obligatorische Berufsfrage mit 'Popstar'. Doch so einfach wie man denkt, ist das alles gar nicht. Und dann gibt es ja noch zwei Gattungen in der Spezies 'Popstar'. Einmal die, die von neureichen Musikbusiness-Mogulen geklont werden (man nennt sie auch Retortensternchen) und die, die tatsächlich aus eigener Kraft den Sprung ins kalte Musikbusiness-Haifischbecken schaffen. Zur zweiten Gattung gehören Dragan Espenschied und Bern Kirsch. Die beiden Soundfrickler aus Hessen (Bern) und Baden-Würtemmberg (Dragan) begannen schon früh mit musikalischen Fingerübungen. Doch hören wollte sie so recht keiner – schließlich entsprachen die abgedrehten Klänge, die sie ihren diversen, seltsamen Maschinen entlockten, nicht der öden Radiopampe. Zwei Jahre lang schickten sie ihr Material an diverse Plattenfirmen – ohne Erfolg. Erst im Dezember 1997 kam dann die Wende: »Von einem Kumpanen wurden wir gezwungen – unter Androhung von Gewalt – eine Demo-Kassette zum Rephlex-Label nach London zu schicken«, erklärt Dragan. Und obwohl die Bodenständig-Jungs ausschließlich in deutscher Sprache singen, wollten die Londoner das Material veröffentlichen. Dragan und Bern schickten nach und nach ihre in den Jahren angesammelten Werke an das angesehene Label, auf welchem auch der Elektronik-Held Aphex Twin erscheint. Etwas später kamen die Engländer nach Köln, im Rahmen der Popkomm wurde der Vertrag unterzeichnet. Anschließend wählten die Londoner Musikexperten die gefälligsten Pop-Perlen aus dem bodenständigen Lebenswerk aus. Ins Studio brauchten Dragan und Bern nicht mehr: Sie haben in ihrem minimalistischen Heimstudio gute Arbeit geleistet – Rephlex ließ das Material für das kommende Album lediglich 'mastern', also klanglich veredeln. Oder – um es mit Dragans Worten zu sagen: »Die haben einfach mehr Bass reingemacht.« Kurze Zeit später liegt im Nordheimer Bodenständig-Hauptquartier das erstes Album auf dem Tisch: 'Maxi German Rave Blast Hits 3' (Kritik siehe unten) soll das Werk heißen, das auf CD, aber auch auf Vinyl erscheint. Vom Label sind sie begeistert: »Trotz der sprachlichen Barriere verstanden die Rephlexer unsere Ideen und glaubten an uns.« Seit diesem Monat kann man das Ausnahme-Werk nun weltweit erstehen – und die Fachpresse ist begeistert. Sowohl in Großbritannien als auch hierzulande überschlagen sich die Kritiker mit Lobeshymnen. Und wir freuen uns. Schließlich zeigt der Erfolg von Bodenständig 2000, daß man auch ohne glattgeleckte Grinsegesichter und ebensolcher Musik bei einer Plattenfirma landen kann. Mal sehen, ob Bern mit seiner kühnen These recht behält: »Genau jetzt ist die Welt reif für Piepstöne, A-Capella-Techno und in Spielzeugmikrophone gesungene deutsche Texte.«   CD-Kritik: Bodenständig 2000 Maxi German Rave Blast Hits 3 Was passiert eigentlich, wenn Menschen Musik machen, die als Kleinkinder statt mit Spielzeug-Autos und Barbie-Puppen mit piepsenden Blockgrafik-Videogames gespielt haben? Diese Frage hat sich nun geklärt: Die Musik würde so klingen, wie die von Bodenständig 2000. Jene Band hat nun endlich ihr Debüt-Album 'Maxi German Rave Blast Hits 3' auf den Markt katapultiert – und der Name ist nicht Programm. Wer nämlich jetzt flutschige Dancefloor-Hymnen im 4/4-Einheitstakt erwartet, liegt völlig falsch. Einfach ist sie auf jeden Fall nicht, die Platte, das sei schon einmal vorweggesagt. Aber gut. Wer sich auch nur im geringsten für Dance-Musik erwärmen und vor allem den vollends durchgeknallten Humor nachvollziehen kann, der wird das Bodenständig-Werk lieben. Doch gehen wir doch mal ins Detail: Auf 18 Tracks fliegen einem neben piepsigen Nostalgiecomputer-Klängen, suspekten Gesängen auch wirklich ulkige Hörspiele ('Die Tragödie von Karl-Dieter') um die Ohren. An ungewöhnlichen Ideen mangelt es den beiden Klangzauberern aus der Süddeutschen Hochebene jedenfalls nicht: Auf 'Säureschnauze' schaffen sie das Kunststück, Acid-House in A-Capella zu zelebrieren – komplett mit Synthigequäke aus den Stimmbändern. Auch 'Weihnachten auf Hawaii' weiß zu amüsieren: Hier vereinen sich alle Schlagerklischees in einem Song. Doch Obacht: Obwohl Plattenkritiker schon Vergleiche zu Helge Schneider anstellten: Bodenständig 2000 haben nicht immer die Pappnase auf. Viele Tracks sind vollends 'ernstgemeint' und würden auch auf der Tanzfläche gut funktionieren – aufgeschlossene DJs vorausgesetzt. Denn eines ist sicher: Das, was Bodenständig 2000 da fernab von aktuellen Musikstömungen mit ihren altmodischen Gerätschaften zusammengefrickelt haben, hat man vorher noch nie in dieser Form gehört. Mehr davon! <%braus http://www.ost-friesland.de/anzeiger/>Anzeiger für Harlingerland