Spex 7/99 Hitparade im Juli: Maxi German Rave Blast Hits 3: Platz 10 Bodenstandig 2000 Maxi German Rave Blast Hits 3 Rephlex/EFA What a rush! Im Haus des Henkers vom Strick sprechen, also auf dem sublimen britischen Knoepfchendreher-Label Rephlex eine herrliche Schepperorgie veroeffentlichen, das zieht! Zwei Deutsche mit den lautmalerischen, furchterregenden Namen 'Bernhard Kirsch' und 'Dragan Espenschied' (deren Klang bereits andeutet, was die Platte zum Ereignis macht; die vollkommene Normalitaet, reale Alltaeglichkeit des eigentlich total Unglaublichen, das uns in Wortern vom Schlage 'Sockenschuss', 'Trivialmaschine', 'Suppenkasper', 'Espenlaub' oder 'Querfloete' heimtueckisch auflauert) sampeln, zum Beispiel, bloedsinnigen Unschlitt wie: »... und Entspannung kann man lernen. Sie macht ruhig und ausgeglichen«, was der Beat umgehend absegnet mit einem kopfnickenden Gefrette des exakten Wortlauts: Klakker, Ratter, Nochmalklacker, Rumpel, Bummsti! Aber es kommt noch schlimmer auf dieser Platte. Paar Nummern vornedran, aus der negativen Zone des Ganzwoanders, erklingt, ebenfalls als Sample, auratisches Kulturgut: »Theo, wir fahr'n nach Lodz«, und da capo: »Nach Lodz!«, wozu Diedrich Diederichsen vor drei Minuten am Telefon, als ich ihm ziemlich beschwipst davon vorschwaermte, die auch nicht schlechte moralische Nutzanwendung beisteuerte: »Theorie, wir fahr'n nach Lodz!«, und jetzt alle: »Nach Lodz!« Die beiden begnadeten Misantrophen singen Acapella und aeusserst rumoroso gehaessige Kalendersprueche fuer den Wand-Jahresplaner der Elektroniker-Innung (»Wann werdet lhr endlich begreifen/Gute Musik macht man nicht nur aus Schleifen« und »Wann ist es endlich vorueber/Euer Tonkloetzchenschieberfieber«), rappen katalektische, zerbeulte, japsende Verse, quetschen sich beschaemende, entzueckend sackdumme Parolen aus den Haelsen (»Beweg den Leib, ey, beweg den Leib, Alle Weiber bewegen ihre Leiber!«), drehen sodann den ganzen Seich durch den Orgelwolf, die modale Frittiermaschine und das Epiphoraphon (ein Instrument, das ich soeben erfunden habe, das man hier aber hoeren kann, obwohl es nicht existiert und nach den Gesetzen der Energierhaltung und dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auch voellig unmoeglich ist), bewerfen es mit Lotosfloetenkonfetti, schmieren fistuliertes Gesaeusel drueber, wuergen greuliches Karaoke-Gebloek hervor, brutzeln Computerspiel- Schlonzgerausche auf den panischen Herdplatten der Hirnverbranntheit, lassen greisenhaft starrsinnige Roboterschlagzeuger gemuetskranken Shuffle-Beat pochen... Das, was man auf 'Maxi German Rave Blast Hits' ertragen muss, sind keine Tracks, sondern Symphonien ueber das Thema der Indolenz des Schoenen, Suiten aus dem Geist des hehren Formgewissens der universellen Unterhaltungsmusik-Scheisse, abgetriebene Babies der grossen Mutter 'Gesamtkunstwerk'. Verkrueppelte Wahrheiten, und damit natuerlich tau- sendmal sympathischer als unverkrueppelte, normierte, uniforme, ach sagen wir ruhig: FASCHISTOIDE Wahrheiten ernster, sachlicher, gutinformierter Denker. Die beste deutschsprachige Platte seit 'Minde nie die Bollocks!' von Blumfeld. Dietmar Dath --- <%braus http://www.spex.de/>Spex Online